Menüs aus dem Müll

Jeder Deutsche wirft pro Jahr 80 Kilo Lebensmittel weg. Die Foodsharing-Bewegung will das ändern und setzt auf Teilen. In 55 Städten ist sie bereits aktiv

Etwa dreimal die Woche fahren Daniel Niesel und Leona Alshuth Rettungseinsätze. Manchmal geht es um viel, aber Niesel hat auch schon für drei Stangen Sellerie an einer Tankstelle im Münsterland gehalten. Die beiden sind die „Foodsharing“-Keimzelle in Recklinghausen und damit der neueste Zuwachs im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung. Innerhalb der vergangenen sechs Wochen konnten sie gut 20 Mitstreiter für ihre Sache gewinnen – eine Entwicklung, die beispielhaft ist für den Erfolg, den die ökologische Bewegung in NRW inzwischen hat.

Rund 80 Kilo Lebensmittel wirft laut NRW-Umweltministerium jeder Deutsche pro Jahr weg. Um diese Verschwendung zu stoppen, propagiert Foodsharing seit Dezember 2012 das Teilen von Lebensmitteln: Wer sich auf der Internetplattform anmeldet, kann sogenannte Essenskörbe selbst anbieten oder abholen. Die Pflaumen aus dem Garten oder das frische Gemüse, das den Urlaub nicht überstehen wird, entgehen so der Mülltonne. Zusätzlich richten ehrenamtliche Helfer als Foodsaver sogenannte Fair-Teiler ein, öffentliche Regale und Kühlschränke, die meist mit überschüssigen Lebensmitteln aus Biomärkten und Bäckereien bestückt werden und an denen sich jeder bedienen darf. Eine Idee, die in Großstädten wie Köln und Berlin schnell um sich griff. In diesem Jahr nun schaffte die Plattform den Sprung in ländlichere und kleinstädtische Regionen. In NRW ist Foodsharing nahezu flächendeckend verbreitet.

Über 80.000 Menschen beteiligen sich nach Angaben des Vereins Foodsharing mittlerweile bundesweit an dem Austausch von Lebensmitteln über sogenannte Essenskörbe. Gleichzeitig sammeln fast 10.000 Foodsaver von rund 2000 kooperierenden Betrieben überschüssige Lebensmittel ein, um sie über mehr als 200 öffentliche Regale und Kühlschränke zu verteilen. Über 2,2 Millionen Kilo Lebensmittel sollen so vor der Vernichtung gerettet worden sein.

„Als ich mich bei Foodsharing angemeldet habe, gab es in Recklinghausen noch nichts“, erzählt die 16-jährige Leona Alshuth von der Gründung ihrer lokalen Gruppe. „Das war erst einmal ernüchternd.“ Doch solche Lücken gehören weitgehend der Vergangenheit an. Insgesamt 55 NRW-Städte, von der Landeshauptstadt Düsseldorf bis hin zum niederrheinischen 22.000-Einwohner-Örtchen Rees, sind aktuell in der Food-sharing-Datenbank gelistet. Und das, obwohl die NRW-Regierung in ländlichen Gebieten „keinen Bedarf für eine solche Plattform“ sah. In der Startphase des Projektes gewährte das Land Foodsharing eine Anschubfinanzierung von 15.000 Euro. „Es hat sich während der Testphase gezeigt, dass das Konzept der Foodsharing-Plattform sich besonders gut für städtische Gebiete eignet. Hier stiegen die Nutzerzahlen schnell an. Genutzt wird die Plattform in den Städten besonders von jungen und technikaffinen Menschen, die eine Nähe zu Nachhaltigkeitsthemen haben“, heißt es hierzu aus dem Umweltministerium.

„Bestimmte Städte sind groß gestartet, in anderen gibt es nur ganz kleine Strukturen“, sagt auch Thorsten Voigt, Mitglied des bundesweiten Organisationsteams. Doch vielerorts wachsen die lokalen Gruppen seit Anfang des Jahres rasant: Waren zum Beispiel in Dortmund im vergangenen Jahr noch drei Foodsaver aktiv, retten hier inzwischen 80 ehrenamtliche Helfer regelmäßig Lebensmittel. „Durch die mediale Aufmerksamkeit hat sich eine gewisse Seriosität aufgebaut. Jetzt ändert sich nicht nur das Bewusstsein der Konsumenten, sondern auch der Händler“, ist Voigt, der schon vor seiner Zeit als Lebensmittelretter regelmäßig „containert“ hat, überzeugt. „Anfangs wurden wir als Schnorrer gesehen, da mussten wir richtige Überzeugungsarbeit leisten. Jetzt sind viele begeistert dabei, einige Händler sprechen sogar uns an.“

Wie breit die Akzeptanz für ihre Mission ist, davon sind auch Leona Alshuth und Daniel Niesel überrascht. Ende August richteten sie den ersten „Fair-Teiler“ neben der Altstadtschmiede in Recklinghausen ein, einem soziokulturellen Zentrum, das sich schon mit einem eigenen Repair-Café der Wegwerfmentalität entgegenstellt. Seitdem hat sich nicht nur die Teilnehmerzahl der lokalen Gruppe verzehnfacht. „Wir wundern uns selbst, dass dort bisher noch keine Sauerei passiert ist“, sagt Alshuth, die im Wechsel mit den anderen Foodsavern täglich die offenen Flächen abwischt und wöchentlich den Kühlschrank putzt. „Ich könnte auch keine Kategorie von Menschen nennen, die den Fair-Teiler nutzen. Ob Schüler, Rentner oder Bedürftige – da sind alle Altersklassen, Einkommensschichten und Nationalitäten dabei.“

Dass mit den Lebensmitteln Bedürftigen geholfen wird, sei aber nur ein positiver Nebeneffekt. Der Bewegung geht es in erster Linie darum, „eine neue Kultur der Achtung gegenüber Essen“ zu etablieren und „die soziale und ökologische Verantwortung transparenter zu machen, die die Lebensmittelbetriebe – aber auch die Konsumenten – für die Verschwendung von Lebensmitteln tragen“, heißt es auf der Internetseite. Deshalb sehe man sich auch nicht als Konkurrenz zu den Tafeln, die bundesweit Waren an Bedürftige ausgeben. „Gerade bei kleineren Mengen, abgelaufenen Lebensmitteln sowie auch an Lückentagen, an denen die Tafeln nicht abholen, können wir die Tafeln bestens ergänzen“, so Raphael Fellmer, Mitbegründer von Foodsharing. Zwar dürfen hygienisch riskante Lebensmittel wie Fleisch, Fisch oder rohe Eierspeisen nicht in die Fair-Teiler, dafür können die Foodsaver aus einem Netz Orangen einfach die faulen Früchte aussortieren und die übrigen – im Gegensatz zu den Tafeln – weiterverschenken.

Dreimal pro Woche holen die Recklinghäuser Foodsaver übrig gebliebene Lebensmittel von einem lokalen Bäcker, einem türkischen Gemüsemarkt und von einigen Ständen auf dem Wochenmarkt ab. „Vor allem samstags warten die Leute manchmal schon am Fair-Teiler auf uns. Auch bei größeren Abholungen ist nach zwei Tagen immer alles weg“, freut sich Foodsaver Marc Pracht. Etwa 40 Kilo Lebensmittel bewahrt die Gruppe so jede Woche vor der Mülltonne, hinzu kommt noch das Obst und Gemüse, das Privatpersonen aus dem eigenen Garten beisteuern.

Als klassische „Graswurzelbewegung“ will Foodsharing möglichst dezentral arbeiten: Auf Bundesebene werden lediglich Verhandlungen mit großen Supermarktketten geführt, auf lokaler Ebene sollen sogenannte Botschafter die Arbeit der Freiwilligen koordinieren. Einen Überblick darüber, wie viele Fair-Teiler es in NRW gibt, hat der Verein daher nicht. Klar ist: Köln gehört mit fast 1000 Foodsavern und 20 Fair-Teilern nach Berlin bundesweit zu den aktivsten Städten, Bonn kommt auf knapp 200 Ehrenamtliche und sechs Verteilstellen, in Dortmund, Wuppertal und Düsseldorf sind jeweils nahezu 100 Lebensmittel-Retter im Einsatz. „Das Wachstum in Dortmund läuft seit Monaten im gleichen Tempo und wir können wohl auch noch ein ganzes Stückchen weiter wachsen“, sagt Thorsten Voigt, einer von vier Botschaftern in Dortmund.

Doch bevor es soweit ist, dass Lebensmittel in Deutschland nicht mehr verschwendet werden, sollen Strukturen geschaffen werden, die effektivere Rettungseinsätze ermöglichen. Das Betriebssystem der Internetplattform soll demnächst in mehreren Sprachen als Open-Source-Variante frei zur Verfügung gestellt werden. „Wir wollen größere Einheiten bilden, um uns besser zu organisieren. In einem halben Jahr soll ich Ruhrgebiets-Botschafter werden“, sagt Voigt. Vorher will der 39-Jährige noch in Peru eine erste Gruppe von Foodsharern aufbauen.

Quelle:

Menüs aus dem Müll

www.lebensmittelretten.de

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